Ist Urfa das biblische Ur?
Ist Urfa das biblische Ur?
Die Frage, ob die heutige türkische Stadt Urfa (offiziell Şanlıurfa) mit der biblischen Stadt Ur (im Alten Testament „Ur in Chaldäa“ oder „Ur Kasdim“ genannt) identisch ist, beschäftigt Historiker, Theologen und Archäologen seit langem. Die Stadt Ur ist in der Bibel als der Geburtsort des Patriarchen Abraham (Ibrahim) bekannt.
Hier sind die wichtigsten Zusammenhänge und Argumente, die Urfa mit dem biblischen Ur in Verbindung bringen:
1. Geografische und logistische Nähe zu Haran
Eines der stärksten Argumente für Urfa als das biblische Ur ist die Geografie.
- Der biblische Reisebericht: Laut Genesis zieht Abrahams Familie von „Ur in Chaldäa“ nach Haran und später weiter nach Kanaan.
- Die kurze Distanz: Haran (heute Harran) liegt nur etwa 45 Kilometer südöstlich von Urfa. Ein Umzug von Urfa nach Haran ist ein kurzer, logischer Schritt.
- Das Problem der Süd-Theorie: Die heute meist favorisierte archäologische Theorie setzt das biblische Ur mit der sumerischen Stadt Ur im südlichen Irak (Tell el-Muqayyar) gleich. Von dort nach Kanaan zu reisen und dabei einen „Zwischenstopp“ im weit nördlich gelegenen Haran zu machen, wäre ein enormer und unlogischer Umweg von über 1000 Kilometern gewesen.
2. Starke lokale und islamische Traditionen
In der lokalen Kultur sowie im Islam ist die Identifikation von Urfa mit Abrahams Heimatort tief verwurzelt.
- Stadt der Propheten: Urfa wird im Volksmund „Stadt der Propheten“ genannt.
- Die Legende von Nimrod und dem Feuer: Der islamischen und jüdischen Überlieferung nach wurde Abraham in Urfa geboren und geriet dort in einen Konflikt mit dem grausamen König Nimrod. Als Nimrod Abraham ins Feuer werfen ließ, verwandelte Gott das Feuer in Wasser und die glühenden Holzscheite in Fische.
- Balıklıgöl: Dieser angebliche Ort des Wunders ist heute als Balıklıgöl (Fischteich des Abraham) bekannt und einer der wichtigsten Wallfahrtsorte in Urfa. Eine nahegelegene Höhle wird zudem als Geburtsort Abrahams verehrt.
3. Sprachliche Zusammenhänge
Der antike Name von Urfa bietet ebenfalls Anhaltspunkte für eine Verbindung.
- In der Antike (unter anderem auf Syrisch/Aramäisch) hieß die Stadt Urhai oder Orhai.
- Viele Sprachwissenschaftler und Historiker weisen darauf hin, dass der Name „Ur“ eine Kurzform oder Abwandlung dieses ursprünglichen Namens „Urhai“ sein könnte.
4. Das Rätsel der „Chaldäer“ (Kasdim)
Die Bibel spricht von „Ur in Chaldäa“ (Ur Kasdim).
- Die südliche Theorie: Die Chaldäer lebten im 1. Jahrtausend v. Chr. im südlichen Mesopotamien (Irak). Das stützt die Theorie des sumerischen Urs. Allerdings lebte Abraham laut biblischer Chronologie viele Jahrhunderte vor dem Auftauchen der Chaldäer im Süden.
- Die nördliche Theorie: Einige Gelehrte argumentieren, dass der Begriff „Chaldäer“ (Kasdim) in älteren Texten auf Völkergruppen hindeuten könnte, die im nördlichen Mesopotamien – also in der Region von Urfa und Haran – ansässig waren, oder dass es sich um eine spätere redaktionelle Anpassung im Bibeltext handelt.
Fazit: Während die westliche Archäologie seit den Ausgrabungen von Sir Leonard Woolley in den 1920er Jahren oft das sumerische Ur im Süd-Irak als Abrahams Heimat ansieht, sprechen die geografische Reiseroute nach Haran, sprachliche Wurzeln und jahrtausendealte lokale Traditionen stark für Urfa (Urhai) im Norden.
„Auf den Spuren des Lichts in Şanlıurfa“ Man begibt sich auf eine historische und spirituelle Reise („auf den Spuren“), um der göttlichen Weisheit, dem Glauben oder der Erleuchtung („des Lichts“) in der heutigen Stadt Şanlıurfa (dem antiken Urfa) nachzugehen. Das „Licht“ steht in diesem Zusammenhang, ganz im Stil von Weisheitslehren, oft für die Erkenntnis und den reinen Glauben, den Abraham in die Welt gebracht hat.
Historische Namensentwicklung von Şanlıurfa
Die Stadt blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, die sich in ihren verschiedenen Namen widerspiegelt.
Chronologische Übersicht
| Epoche | Name | Hintergrund |
|---|---|---|
| Vorantike | Urhay / Orrhai | Ursprünglicher aramäischer Name; später syrisch Urhoy. |
| Hellenismus | Edessa | Benannt durch Seleukos I. Nikator nach der makedonischen Hauptstadt. |
| Seleukiden | Antiochia am Kallirhoe | Beiname aufgrund der markanten Quellen der Stadt. |
| Frühislamische Zeit | ar-Ruha | Arabische Form, abgeleitet vom aramäischen Urhay. |
| Osmanisches Reich | Urfa | Verkürzung von ar-Ruha, die im Türkischen beibehalten wurde. |
| Moderne (seit 1984) | Şanlıurfa | Ehrentitel şanlı ("ruhmreich") für den Widerstand im Befreiungskrieg. |
Details zur Namensgebung
Edessa
Dieser Name blieb vor allem in der westlichen Geschichtsschreibung und während der Zeit der Kreuzzüge (Grafschaft Edessa) die primäre Bezeichnung.
Der Titel "Şanlı"
Die Umbenennung erfolgte am 12. Juni 1984 durch das türkische Parlament. Damit wurde die Stadt für ihren Kampf gegen die französische Besatzung im Jahr 1920 geehrt – ähnlich wie die Nachbarstädte Gaziantep ("Kämpfer-Antep") und Kahramanmaraş ("Helden-Maraş").
Religiöse Bedeutung
Im jüdischen und islamischen Kontext wird die Stadt oft mit dem biblischen Ur (Heimat Abrahams) identifiziert, weshalb sie auch den inoffiziellen Beinamen "Stadt der Propheten" trägt.